Weltgeschichte der Umwelt

Joachim Radkaus Kahlschlag im Forst der Ökomythen

«In der Nacht, bevor ich mit diesem Buch begann, hatte ich einen Albtraum. Ich sass in einem kleinen und klapprigen Flugzeug, irgendwo über Russland, und erlebte eine Zwischenlandung nach der anderen auf holprigen Pisten. Ich wusste, das Flugzeug hatte Atombomben an Bord.» Mit dieser Warnung an den Leser beginnt Joachim Radkaus neuestes Buch, «Natur und Macht». Wem bereits gewöhnliche Linienflüge eine neckische Variante von russischem Roulette sind, der wird diese Einladung zur Buchreise durch die Weltgeschichte der Umwelt dankend ablehnen wollen. Nur die mit Radkaus Namen verbundene Garantie für kritische Nachhaltigkeit und intellektuelle Aufforstung lässt einen jede angeborene Urangst vor universalhistorischen Höhenflügen und Abstürzen ebenso zur Seite schieben wie den immer wieder erfahrenen Horror vor ökologisch verbrämten Endzeitszenarien, die uns den selbstverschuldeten Untergang der Menschheit in ihrer eigenen Kloake genüsslich vor Augen führen.

Gewiss, hinsichtlich der Flugroute macht Radkau seine Drohung wahr. Nicht einmal die Etappenziele werden direkt angeflogen. Dennoch wird dem mutigen Passagier bald einmal klar, dass er an einem aufregenden intellektuellen Abenteuer teilnimmt. Denn in welcher Zeit- und Weltgegend man auch gerade Radkaus mörderische Loopings mitfliegt, stets werden sie von einem funktionstüchtigen Satellitennavigationssystem unterstützt und stehen im Dienst eines systematischen Nachdenkens über Möglichkeiten und Grenzen von Umweltgeschichte.

Nachhaltig kritisch

Radkaus kritische Untersuchung von gängigen Erklärungsmustern, vereinfachenden Entwicklungsmodellen oder mythologischen Überhöhungen wird in ihrer analytischen Präzision, ihrer humorvollen Darstellung und gewitzten Hinterfragung von einem beeindruckenden Arsenal an referierten Detailstudien unterstützt. Als Kahlschlag im Forst der Ökomythen schafft es das Buch, Universalgeschichte ohne simple universelle Modellierung zu erzählen und historisch-kritische Nachhaltigkeit zu erzeugen - gerade durch seine Kritik an jeder Form von umwelthistorischem Fast Food. Dieser kritischen Hinterfragung vermag sich bei Radkau eigentlich nur der Garten zu entziehen, dem da und dort leicht biedermeierlich wirkende Eigenschaften zugewiesen werden. Vielleicht liegt dies aber auch nur daran, dass auch kritische Historiker irgendeinen festen Punkt brauchen, von dem aus sie den Rest der Welt aus seinen universal- bzw. umweltgeschichtlichen Angeln heben können.

Wohl am interessantesten sind Radkaus Auseinandersetzungen mit der Umweltgeschichte des Kolonialismus einerseits und jene mit der Ökobewegung des 20. Jahrhunderts andererseits ausgefallen. Dies liegt im ersten Fall sicher daran, dass Radkau gegen eine Primitivvariante der (Um-)Weltgeschichte anschreibt, also sein kritisches Potenzial auf eine ebenso klare wie simple Linie konzentrieren kann. Alfred W. Crosbys «Ecological Imperialism» von 1986 liefert ihm dafür einen «kühnen Bogen über tausend Jahre Weltgeschichte», in dem sich die Eroberung Amerikas als Konsequenz erdgeschichtlicher Gesetze darstellt. Wo immer Radkau auf solche vereinfachenden Prinzipien stösst, kommt er in Hochform. Gesteigert wird sie im Kapitel «Kolonialismus als umwelthistorische Wasserscheide» nur noch durch die Tatsache, dass Richard H. Groves «Green Imperialism» bereits auf Crosby geantwortet hat, und zwar ebenfalls mit einem simplifizierenden Erklärungsmodell.

Gegen diese beiden sich zwar widersprechenden, aber griffigen Erzählungen argumentiert Radkau nun so gekonnt, dass man als Leser beinahe übersieht, dass es ja gerade die simple Linie gewesen wäre, welche Radkaus Buch doch noch zu einer eigentlichen Universalgeschichte hätte machen können. Wahrscheinlich ist diese Linie in einem Leitmotiv versteckt, das in unzähligen Fällen mit grossem Gewinn angewendet werden kann: die machtpolitische Instrumentalisierung des Umgangs mit natürlichen Ressourcen, sei es in der Regulierung ihrer Verfügbarkeit oder über die Liberalisierung von Märkten. Insbesondere Knappheitserfahrungen haben immer wieder Anlass geboten zu einer erhöhten herrschaftlichen bzw. staatlichen Regulierungspolitik. Mit dem Schutz der Umwelt ist dies nicht gleichzusetzen, wie uns Radkau an zahlreichen Beispielen vorführt, obwohl sich in manchen Fällen durchaus stabilisierende Wirkungen entfalten konnten. Regulierungsbemühungen können ebenso zu einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen führen, wie sie auch neue Runden ihrer rücksichtslosen Ausbeutung einläuten oder aber so über das Ziel hinaus schiessen können, dass eine ganze Reihe unerwünschter Handlungsfolgen zu beobachten ist.

Und der grüne Faden?

Solche Überlegungen sind in «Natur und Macht» sehr häufig anzutreffen, sei es bei der Behandlung der berühmten Holzknappheit des 18. Jahrhunderts, bei der Forstpolitik des 19. Jahrhunderts, bei der Beschreibung von Brandrodungswirtschaften der präkolumbischen Mayas oder der brasilianischen Bauern des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Als analytisches Instrument ist die Frage nach herrschaftlichen Interessen an Umweltpolitik im weitesten Sinn mit grossem Gewinn eingesetzt und kompensiert da und dort auch den fehlenden roten Faden bzw. die fehlende reduktionistische Linie einer herkömmlichen Universalgeschichte im Stil von Arnold Toynbees «Mankind and Mother Earth» (1976).

Unklar bleibt, warum Radkau zwar eine Weltgeschichte der Umwelt hat schreiben wollen, gleichzeitig aber auf die «Reader's Digest»-Methoden dieser doch einigermassen antiquierten Literaturgattung verzichten zu können glaubt. Dem Leser bleibt in dieser Situation und nach reiflicher Überlegung nur, sich an einer Zielgeraden zu orientieren. Dann wäre «Natur und Macht» so zu lesen, dass es zunächst eine radikale historische Auseinandersetzung mit der Umweltgeschichte, mit der Umwelthistoriographie und mit den umwelthistorischen Mythen braucht, um die Geschichte der Ökobewegung des 20. Jahrhunderts überhaupt verstehen zu können. Denn erst wenn die stets labilen Gleichgewichte von historischem Ressourcenmanagement, von kulturell überformten kollektiven Wahrnehmungsmustern, von politisch instrumentalisierbaren Regulierungsanforderungen sowie von ökologisch-politischen Diskursen mit ihren für Umwelt und Gesellschaften oft fatalen Handlungsfolgen gründlich diskutiert werden, erst dann lässt sich endlich etwas über die Gesellschaft «im Labyrinth der Globalisierung» und damit auch über die Ökobewegung des 20. Jahrhunderts sagen.

Und mit Sicherheit liessen sich nach der Lektüre von Radkaus Buch ahistorische Argumente über die wünschenswerte Gestaltung der Beziehung von Mensch und Natur kaum mehr mit jener Selbstverständlichkeit vertreten, wie wir sie heute auf Schritt und Tritt vernehmen. Vor allem aber wäre eine ökologische Politik nicht mehr das Steckenpferd bloss einer parteipolitischen Gruppierung, die den Imperativ der Natur besonders legitim zu vertreten vorgibt. Vielmehr müsste ökologische Politik von ihren gesellschaftspolitischen Imperativen her gedacht und zur Angelegenheit des gesamten politischen Systems gemacht werden. Mancher Albtraum hätte dann vielleicht ein Ende.

David Gugerli

Joachim Radkau: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. C. H. Beck, München 2000. 438 S., Fr. 52.50.

Neue Zürcher Zeitung, 20. September 2000