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Der schweizerische Weg zur Vitamin-C-Synthese
Beat Bächi
Die "Reichstein-Synthese", welche die Ära der weltweiten
industriellen Vitamin-C-Synthese (L-Ascorbinsäure) eröffnete,
ist sowohl in ökonomischer als auch in - wie man heute sagen
würde - biotechnologischer Hinsicht epochemachend. Dass aber
die Vitamin-C-Synthese im grosstechnologischen Massstab ein ökonomisch
interessantes Verfahren für die Chemische Industrie geworden
ist, und dass dieser pharmazeutischen Innovation ein durchschlagender
Erfolg beschieden sein sollte, ist höchst erklärungsbedürftig.
Dies gilt auch ganz besonders für die Tatsache, dass Hoffmann-La
Roche während Jahrzehnten zum weltgrössten Produzenten
von synthetischem Vitamin C (wie auch von B1 und E) geworden war.
Denn selbst nachdem es 1933 in den Labors der ETH gelungen war,
Vitamin C zu synthetisieren, waren noch zahlreiche Hindernisse zu
überwinden, bis in den Fabrikhallen von Roche Vitamin C industriell
produziert wurde. Und obwohl Hoffmann-La Roche bereits 1933 die
Patentrechte für die Ascorbinsäure-Synthese von Tadeus
Reichstein erworben und mit grossem Aufwand in die "Proportionen
der Technik" zu übersetzten begonnen hatte, waren die
"Vitaminerfolge" noch 1946 für Emil Barell, langjähriger
Direktor der Hoffmann-La Roche, "überraschend".
Aber warum erschienen diese "Vitaminerfolge" den Zeitgenossen
in den 1930er und 1940er Jahren so unwahrscheinlich? Ein Anhaltspunkt
dafür findet sich etwa in dem von Gottlieb Duttweiler herausgegebenen
Buch zur Landi 1939. Hier wurde die Abbildung des von Roche an der
Landi ausgestellten Modells der Ascorbinsäure-Fabrikationsanlage
(im Massstab 1:10) mit der viel sagenden Legende versehen: "Mit
einem imposanten Aufwand an Intelligenz und Technik gelingt dem
Menschen annähernd, was die Natur mühelos und für
die Bedürfnisse des Lebens richtig dosiert, hervorbringt. Beispiel:
Die bescheidene Hagebutte enthält reichlich und fixfertig das
ansteckungswidrige Vitamin C (Ascorbinsäure), zu dessen industrieller
Herstellung eine sinnverwirrende, stockwerkfüllende Maschinerie
nötig ist, wie sie in diesem Modell an der LA gezeigt wurde."
Die Zeitgenossen waren also reichlich verwundert über den enormen
technischen Aufwand, der betrieben wurde, um etwas industriell zu
produzieren, was die Natur problemlos herzustellen vermochte. Zudem
zeigt diese Verwunderung, dass auf der Nachfrageseite ein beachtlicher
Wandel stattgefunden haben musste, bis das industriell produzierte
Vitamin C tonnenweise verkauft und konsumiert werden konnte. Denn
das synthetische Vitamin C trat seinen Siegeszug an, obwohl die
Nachfrage in den 1930er Jahren als äusserst gering eingeschätzt
wurde und eine eindeutige medizinische Indikation zur therapeutischen
Anwendung synthetischer Vitamine fehlte.
Was muss man verstehen, und was muss man deshalb untersuchen, damit
die Überraschung über den Erfolg dieser Technikgenese
im Bereich der Biotechnologie, der life sciences und des functional
food abgebaut werden kann? Und welches waren die Gründe für
Roche, in jener krisenhaften Zeit der 1920er und 1930er Jahre ein
hohes unternehmerisches Risiko zur Industrialisierung eines Verfahrens
einzugehen, das zunächst nur in Labors eine Rolle spielte?
Es sind im Wesentlichen drei Beobachtungsfelder, deren Analyse Hinweise
für die Gründe dieser Erfolgsgeschichte liefern können:
Hochschulen, Unternehmen und Nachfragemarkt.
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