Natur
- Naturschutz - Naturschutzkonzepte.
Eine Exkursion entlang der Grenze von Natur und Kultur am Beispiel
des Schweizerischen Nationalparks.
Stefan Fritsche
Zum Thema
In den letzten Jahren ist die Diskussion um neue Naturschutzkonzepte
vermehrt ins Zentrum der Umweltschutz-Debatte gerückt. Im Entlebuch
wurde ein Biosphärenreservat geschaffen, in verschiedenen Regionen
spricht man seit einiger Zeit von einem Naturpark, der Schweizerische
Nationalpark im Engadin soll erweitert werden und von der Pro Natura
kommt der Ruf nach einem zweiten Nationalpark. Abgesehen vom Projekt
des neuen Nationalparks, über dessen Ausführung noch wenig
Konkretes zu erfahren ist, beinhalten die Konzepte im Vergleich
zu den klassischen Konzeptionen eine wesentliche Neuerung: Der Mensch
wird bewusst als Bestandteil des zu schützenden Gebietes verstanden.
Auf konzeptioneller Ebene wird damit die strenge Trennung von Natur
und Kultur wenn auch nicht aufgehoben, so doch in Frage und zur
Diskussion gestellt.
Wenn Selbstverständlichkeiten hinterfragt und bewährte
Handlungsmuster überdacht werden, bietet dies Anlass in die
Vergangenheit zu blicken. In diesem Fall soll dies anhand der Geschichte
des Schweizerischen Nationalparks geschehen. Diese Geschichte bietet
sich insofern an, als sie zum einen eine wichtige Rolle in der Formation
der modernen Naturschutzesbewegung in der Schweiz bildet (der Nationalpark
wurde 1914 gegründet), und zum anderen durch die geplante Erweiterung
bis in die bereits angetönte gegenwärtige Diskussion greift.
Das Nationalpark-Konzept von 1914 kann als geradezu idealtypische
Ausgestaltung der Trennung von Natur und Kultur verstanden werden.
Im Artikel 1 des entsprechenden Bundesbeschlusses heisst es: Auf
dem vertraglich näher bezeichneten Gebiete der Gemeinde Zernez
wird ein schweizerischer Nationalpark errichtet, in dem die gesamte
Tier- und Pflanzenwelt ganz ihrer freien natürlichen Entwicklung
überlassen und vor jedem nicht im Zwecke des Nationalparkes
liegenden menschlichen Einflusse geschützt wird.
Demgegenüber weicht das Erweiterungskonzept, wie es gegenwärtig
diskutiert wird, diese exakt definierte Trennung von Natur und Kultur
auf. Aus der Trennlinie (die das vertraglich näher bezeichnete
Gebiet umgibt) wird ein breiter Gürtel, der um den Park
gelegt eine Mischzone bildet, in der Natur und Kultur in einem stabilen
Gleichgewicht vereint werden sollen. Auf diese Grenzsetzungen beziehungsweise
Grenzbereinigungen soll der Fokus dieser Arbeit gerichtet werden
und damit einen Beitrag zum Verständnis des Verhältnisses
von Natur und Kultur leisten.
Fragestellung und Aufbau
Es kann nicht das Ziel einer Lizentiatsarbeit sein, die gesamte
90-jährige Geschichte des Schweizerischen Nationalparkes zu
schreiben. Ich beschränke mich deshalb darauf, den Fokus auf
diejenigen Ausschnitte seiner Geschichte zu richten, in welcher
Ziel und Zweck des Parkes definiert, respektive hinterfragt werden
und sich damit Sinn- und Bedeutungsmuster in bezug auf das Verhältnis
Natur/Kultur offenbaren sollten. Dies soll anhand von drei Querschnitten
geschehen. Der erste Querschnitt untersucht den Zeitraum bis zur
Gründung des Nationalparkes am 1.August 1914. Dabei steht die
Frage nach denjenigen Vorstellungen und Wahrnehmungen von Natur
und Umwelt im Vordergrund, die schlussendlich zur konkreten Ausgestaltung
des Naturschutzgebietes geführt haben. Ein zweiter Querschnitt
stellt die Diskussion rund um das in den 50-er Jahren geplante und
schlussendlich auch realisierte Projekt einer Stauung des Spöls
ins Zentrum. Das Projekt führte zu beinahe endlosen Debatten
darüber, ob dadurch Sinn und Zweck des Parkes in Frage gestellt
seien, und inwiefern damit jene ideale Natur des Nationalparkes
geschädigt werde. Die Analyse dieser Kontroverse soll aufzeigen,
wie sich die Vorstellungen und Argumentationsmuster dahingehend
verändert haben, dass es plötzlich möglich wurde,
genau in dem Gebiete Raubbau an der Natur zu betreiben,
dessen Entstehung viel mit der Wahrnehmung einer vom Menschen immer
rücksichtsloser ausgebeuteten der Natur zu tun hat. Der dritte
Querschnitt schliesslich wird sich mit der projektierten, aber zumindest
zwischenzeitlich ins Stocken geratenen Parkerweiterung befassen.
Dieses Erweiterungskonzept stellt die bewährte Trennung von
Natur und Kultur in exemplarischer Weise in Frage. Dass dies zu
einer Verunsicherung führt, erstaunt vor allem in bezug auf
die lokale Bevölkerung nicht. Immerhin verlangt das neue Konzept
eine völlige Neuordnung altbewährter Verhältnisse.
Verspricht man sich davon ein ideales Zusammengehen
von Natur und Kultur? Ein zukunftweisendes Model der Reintegration
des Menschen in eine natürliche Umwelt? Eine methodische
Schwierigkeit liegt darin, dass die Angelegenheit noch nicht ausdiskutiert
und entschieden ist. Immerhin zeigt sich so aber auch eine gewisse
Relevanz der Thematik.
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