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Grenzen des (technischen) Fortschritts
Der Widerstand gegen das Kraftwerkprojekt
Urseren
Erich Haag
Die Arbeit befasst sich mit der Frage nach den Grenzen des technischen
Wandels; sie versucht, solche Grenzen sichtbar zu machen am Projekt
für das Kraftwerk Urseren. Das Kraftwerk Urseren, das um die
Mitte des 20. Jahrhunderts hätte gebaut werden sollen, wäre
das grösste Speicherkraftwerk der Alpen geworden. Es war unter
technischen und energiewirtschaftlichen Aspekten ein Projekt der
Superlative, Ausdruck eines Fortschrittsglaubens, des Glaubens an
die Machbarkeit einer besseren Welt. Aber seine Realisierung scheiterte
am Widerstand der betroffenen Bevölkerung, die ihre Dörfer
hätte verlassen müssen, um für den gigantischen Stausee
Platz zu machen.
Warum konnte das Urseren-Projekt nicht realisiert werden, warum
hatte es keinen Erfolg ? Der Kampf um das Kraftwerk Urseren war
ein Modernisierungskonflikt: Zwischen der Welt der Technik und der
Welt der traditionsverbundenen Heimatliebe bestand ein unauflösbares
Spannungsverhältnis. Es soll gezeigt werden, welche unterschiedlichen
Mentalitäten und geistigen Hintergründe hinter den Geschehnissen
und den damaligen Redeweisen standen.
Welches war der soziale und geschichtliche Kontext des Geschehens?
Was bewirkten die damaligen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen?
Gab es gar eine gemeinsame Gedankenwelt, auf die sich die beiden
Konfliktsparteien bezogen? Beide Seiten berufen sich zur Legitimation
ihres Tuns auf den Begriff "Heimat"; dieser ist ideologisch
abgestützt auf ein Heimatbild, das an der Landi 1939 vielfach
vermittelt wurden. Aber offensichtlich verstanden die beiden Konfliktsparteien
darunter nicht das Gleiche. Die Urschner hatten ein von bäuerlichen
Traditionen geprägtes Heimattal vor Augen; die Kraftwerkprojektanten
bezogen sich, wenn sie von "Heimat" sprachen, auf die
von Versorgungsengpässen bedrohte Schweiz. Die Konzepte von
Natürlichkeit und Schönheit der Landschaft und die Vorstellungen
davon, was gestaltbar und was feststehend sei, divergierten stark
zwischen Projektanten, Bundesbehörden, kantonalen Behörden
und Talbewohnern.
War das Urseren-Projekt Ausdruck einer den Verhältnissen angepassten
Technik (appropriate technology)? Was bedeutet überhaupt "angepasste
Technik"? Angepasst an die Umwelt, das Land, die Menschen?
Mit seinen "gigantischen Ausmassen" war das Urseren-Projekt
"Ausdruck eines euphorischen Aufbruchs in ein von der Technik
dominiertes Zeitalter" (Steigmeier, Power on). Indem es die
herkömmlichen Masse sprengte, war es stärker als andere
dem Risiko ausgesetzt, als unangepasst noch vor der Realisierung
zu scheitern.
Worin bestanden die Grenzen des technischen Fortschritts? Waren
es die Kräfte der Umwelt, die gesellschaftliche Realität,
politische Gegebenheiten, eine Mentalität? Hätten sich
die Grenzen überhaupt verschieben lassen, und welches wären
die Kosten dafür gewesen? Beide Seiten nahmen gesellschaftliche,
wirtschaftliche, politische Interessen wahr. Sie bildeten Allianzen:
die Urschner, indem sie eine praktisch vollständige politische
Solidarisierung im Kanton Uri erreichten, die Elektrizitätswirtschaft,
indem sie eine Zusammenarbeit mit den Bundesbehörden suchte.
Beide versuchten, Interessensgrenzen zu verschieben: die Elektrizitätswirtschaft,
indem sie auf dem politischen Weg den Versuch unternahm, Entscheidungskompetenzen
von den lokalen und kantonalen auf die eidgenössischen Instanzen
übertragen zu lassen, die Talbewohner, indem sie ihrem Widerstand
mit gewaltsamen Aktionen Nachdruck verlieh. Letztlich war es aber
nicht die Gewalt, die das Projekt verhinderte, sondern die Tatsache,
dass ein technisches Grossprojekt, das massiv in die Interessenssphäre
anderer eingreift, sich gegen den Willen der Betroffenen nicht durchsetzen
lässt, wenn diese darüber politisch frei mitbestimmen
können.
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