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ETH Technikgeschichte - Forschung

Die Zirkulation von Artefakten, Wissen und Geld. Zur Praxis antiquarisch-prähistorischer in der Schweiz zwischen 1860-1880

Daniel Kauz

1820 erschien im Neujahrsblatt der 'Brugger Bezirksgesellschaft für vaterländische Cultur' eine kurze Schrift mit dem Titel Helvetiens Urgeschichte. Am Anfang - so Heinrich Fisch - stand die alle Spuren menschlichen Lebens tilgende "Sündfluth", nach Abfluss der Wassermassen dann breitete sich die verbliebene Menschheit wieder aus. Geringen Interpretationsspielraum belässt dieses Katastrophen-Szenario nicht zuletzt deshalb, weil es autoritative Erzählungen, wie das Alte Testament, zitiert. 1854 publizierte Ferdinand Keller in den 'Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich' Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen. Von der 'Sündfluth' war darin keine Rede, stattdessen begann Keller mit den Umständen, welche zur Entdeckung prähistorischer Überreste am Zürichseeufer führten: der Rückgang des Seespiegels infolge eines kalten Winters, die Landgewinnungsarbeiten der Anwohner, die Informierung der 'Gesellschaft' durch einen aufmerksamen Lehrer. Jedes Relikt ist wert, erwähnt zu werden, nunmehr dominieren kleinteilige Klassifikationen, Inventarisierungen, Interpretationen. Anders als Fischs Urgeschichte gründet die Deutung der Überreste nicht auf der Autorität eines Narrativs, sondern auf der Autorität eines archäologischen Forschersubjekts...
Kellers Entdeckung/Erfindung/Konstruktion (Bruno Latour) der 'Pfahlbauten' ist im Rahmen des Auftauchens einer Prähistorie des Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts lediglich von marginaler Bedeutung. Ein solcher Befund wird doppelt getragen: In der zumeist englischsprachigen Forschung wird der Beginn der prähistorischen Forschung zum einen hauptsächlich in den Kontext der Geologiegeschichte sowie von evolutionistischen Theorien eingeordnet, so dass das 'Pfahlbau-Unternehmen' mit seiner vornehmlich archäologischen Ausrichtung von nachgeordnetem Stellenwert blieb. Zum anderen trug in der Schweiz eine Nationalisierung sowie Popularisierung der Thematik zwar dazu bei, dass die 'Pfahlbauer' im Nationalgedächtnis solide verankert sind, kaum aber, dass die Fachhistorie sich ihrer annahm.
Prähistorie, Vor- bzw. Urgeschichte - so muss m.E. der Ausgangsbefund lauten - war in den 1850ern keine eigenständige Disziplin, vielmehr ein heterogenes Konglomerat von Akteuren und Praktiken, welches sich aus verschiedenen Wissensfeldern (Geologie, Ethnographie, Zoologie, Botanik) zusammensetzte. Gefragt war aber nicht nur Know-how in interpretatorischer, sondern auch in praktisch-technischer Hinsicht gefragt. Wie lokalisiert man potentielle Fundstellen? Wie führt man Ausgrabungen durch? In dem Masse, in welchem das Wissen dynamischer Art war, bestand auch keine einfache Gegenüberstellung von Laien und Experten. Vielmehr war dieser Gegensatz durchlässig, Wissen wurde aufgebaut, im Aufbau dieses Wissens etablierte sich ein Expertentum. In dem Sinne, dass Sammlung, Aufbewahrung, Zuordnung sowie Zirkulation prähistorischer Objekte über ein uneinheitliches Netz von Akteuren gewährleistet werden musste, sind diese boundary objects (Susan Leigh Star, James R.Griesemer).
Neben der Rekonstruktion dieser Netzwerke unternimmt die Arbeit auch den Versuch einer Rekontextualisierung der 'Pfahlbauer' im Rahmen einer 'Discovery of Human Prehistory'. Einerseits gilt es zu verfolgen, inwiefern das Pfahlbau-Unternehmen als Scharnier in der Verbreitung eines Wissens um menschliche Ursprünge fungierte; andererseits ist hervorzuheben, inwiefern dieses an der Schnittstelle einer 'lokalen' sowie 'inter-lokalen' Geschichte situiert ist. Zum einen ist dabei der lokale Kontext der Antiquarischen Gesellschaft (ihrer Verankertheit in einer bürgerlichen Sozialstruktur Zürichs, ihr weitgefasstes antiquarisches Programm, ihre Räumlichkeiten, das 'Antiqarium' im Helmhaus) in den Blick zu nehmen; zum anderen die 'inter-lokalen' Bezüge, welche die reichhaltige Korrespondenztätigkeit bezeugt. Zürich war, um sich in die Prähistorie einweisen zu lassen, auch häufige Reisedestination in anthropologisch-prähistorischen Kreisen. Ein Netz archäologisch-prähistorischer Lokalitäten und Objekte brachte auch ein Wissensnetz sowie ein Netz von Akteuren hervor.



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Letzte Änderung: 1-12-2005