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Diplomatie am Bau - Der Bau des Kraftwerks Wägital
Andreas Pfister
„Nachdem [...] die Staumauer und damit das ganze Werk von hohen kirchlichen Würdenträgern und im Beisein der vollzähligen Bezirks- und Gemeindebehörden eingesegnet worden war, konnte man 1924 zum letzten und eindrücklichsten Akt schreiten. Am 19. Juli jenes Jahres wurden die Abschlussorgane der Staumauer endgültig geschlossen und es begann die Seefüllung.1“ Mit dem Schliessen der letzten Durchflussmöglichkeit für die Wägitaler Aa wurden die letzen grossen Bauarbeiten an diesem Grossprojekt fertig gestellt. Das Wasserkraftwerk im Wägital war eine Tatsache geworden: „Mit 140 000 PS war das Wägitalwerk damals die grösste elektrische Kraftanlage der Schweiz und die zweite von Europa.“2
Im Wägital war ein See, ein Wasserspeicher zur Elektrizitätsgewinnung geschaffen worden, der nicht nur das verschlafene Dörflein, sondern auch die Schwierigkeiten, Konflikte, Verhandlungen und Diskussionen zum Verschwinden brachte, welche das Kraftwerkprojekt ausgelöst hatte. An diesem Punkt setzt diese Arbeit ein. Metaphorisch gesprochen werden die Schleusen der Staumauer nochmals geöffnet und die Mühen, Probleme, Gutachten und Diskussionen rund um das Wägitalwerk an die Oberfläche, ins Blickfeld der Betrachtung gerückt.
Das Kraftwerkprojekt im Wägital betraf unzählige äusserst heterogene Instanzen und Interessen, und die Initianten mussten sich eine stark ablehnende Haltung seitens der betroffenen Bevölkerung gefasst machen: Wieso sollte im Kanton Schwyz ein Bauerndorf überflutet werden, nur um die Stadt Zürich und NOK Kantone mit Energie zu versorgen? Welchen Nutzen hatten der Kanton Schwyz, die Gemeinde Innerthal oder der Bezirk March von diesem Projekt? War es überhaupt wirtschaftlich ein solches Werk zu bauen, um es nur während weniger Wintermonate zur Gewinnung von Winterenergie zu betreiben?
„Die geistige Arbeit des Ingenieurs und die geschickten Hände wohlgeschulter Arbeiter“ reichten bei weitem nicht aus, um im Wägital „ein Wesen von nimmermüder Kraft“3, ein Grosskraftwerk zu schaffen. Für die Umsetzung eines Wasserwerkes mit diesen Ausmassen waren neben den technischen noch ganz andere Fähigkeiten gefragt. Vom Kanton über die Gemeinde, vom Ingenieur über den Juristen bis zum einfachen Bauern, jede involvierte Person und betroffene Stelle hatte andere Erwartungen an das Projekt. Um im Wägital ein Kraftwerk zu bauen, mussten all diese Erwartungshaltungen unter einen Hut gebracht werden. Es mussten Probleme gelöst werden, es wurden Verhandlungen geführt und juristische Konflikte ausgetragen. Ein ganzes Dorf, eine Kirche samt Friedhof wurden umgesiedelt, man baute eine Staumauer von 100 m Höhe und es kamen jeden Tag tausende von Touristen um sich dieses Spektakel anzuschauen. Die Realisierung des Projekts war äusserst unwahrscheinlich und hat dennoch stattgefunden. Heterogene Interessen sind in homogene Motivationslagen übersetzt worden. Wie diese Übersetzung möglich war, soll im Projekt „Diplomatie am Bau“ untersucht werden.
1 AG Kraftwerk Wägital. 50 Jahre AG Kraftwerk Wägital. Siebnen, o.S.
2 Ebd.
3 Kruck, Gustav. Das Kraftwerk Wäggital. Zürich 1925, S.50.
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