Veränderungen
in der Wahrnehmung von Umwelt und Technik
Die Gemeinde Kaiseraugst von
den 1950er bis zu den 1970er Jahren
Martina
Schäfer
Für das Umschwenken einer Mehrheit der Kaiseraugster
Bevölkerung von Zustimmung zu Ablehnung des auf Gemeindegebiet
geplanten Atomkraftwerks zu Beginn der siebziger Jahre wurden in
Presse und Literatur verschiedene Erklärungen gegeben: die
Umprojektierung von Flusswasserkühlung auf Kühltürme,
gestiegenes Umweltbewusstsein, Kritik an einer zu risikoreichen
Technologie etc. Der "Mikrokosmos Dorf" konstituiert sich
aber aus einer Vielzahl wirtschaftlicher, sozialer und politischer
Entwicklungen, Abhängigkeiten und Erfahrungen. Sie gilt es
zu berücksichtigen, um einen lokalen bzw. regionalen Prozess
rekonstruieren und differenzierte Erklärungen für historische
Abläufe zu entwerfen. So kämpfte das untere Fricktal beispielsweise
bereits in den 50er Jahren gegen Fluoremissionen aus der Aluminiumproduktion
und in den 60er Jahren gegen die Erstellung einer konventionell-thermischen
Kraftwerks in Kaiseraugst.
Ziel dieser Arbeit ist es, am Beispiel der Gemeinde
Kaiseraugst vor dem Hintergrund eines raschen Modernisierungs- und
Suburbanisierungsprozesses in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
festzustellen, ob und wie sich im lokalen Kontext das Verhältnis
Mensch-Umwelt-Technik im Zeitraum 1950er bis 70er Jahre veränderte.
Wie wurden welche (bevorstehenden) Eingriffe in die Umwelt wahrgenommen,
welche Reaktionen wurden dadurch hervorgerufen wurden und von welchen
sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen
Wahrnehmung (was wird toleriert, was nicht, warum?) und Handlungsweisen
(Handlungsmöglichkeiten vs. erfolgte Handlungen) waren diese
abhängig? Konzepte v.a. aus Umwelt- und Technikgeschichte liefern
den theoretischen und methodischen Hintergrund dazu.
Die enge historisch-geographische Einschränkung
des Themas ermöglicht die Untersuchung verschiedener umweltgeschichtlicher
Kernfragen, die der Annäherung an die Beziehung Mensch-Umwelt-Technik
dienen. So zum Beispiel: An welche subjektiven Interessenlagen ist
die Sensibilität gegenüber (antizipierten) Umweltbelästigungen
gekoppelt? Die Unterscheidung der in Protesthaltungen sich äussernden
Ebenen von Betroffenheit wird im Fall von Kaiseraugst zur analytischen
Erfassung der Präferenzen von Befürwortern und Gegnern
der Grossprojekte wichtig und nützlich sein.
Eine der Arbeit zugrundeliegende Hypothese lautet
wie folgt: Die Technik der Atomenergie war, wie zuvor die der Energiegewinnung
aus Kohle und Öl in grossem Stil, zu diesem Zeitpunkt nicht
mehr anschlussfähig. Zu Beginn der 70er Jahre hatte man bereits
so viel Negatives erfahren, dass eine Mehrheit ein AKW - dessen
Leistung immer mehr hinaufgeschraubt wurde - zumindest in der direkten
Nachbarschaft nicht mehr wollte. Selbst die "Experten"
schienen sich über Auswirkungen, Emissionen und Sicherheit
nicht einig zu sein. Die einseitig positive Darstellung der Atomenergie
und ihrer Folgen durch Betreiber und Behörden wurden demgegenüber
als Verharmlosung empfunden, die zusätzliches Misstrauen erweckte.
Der Vertrauensverlust gegenüber Angaben und Zusicherungen von
Firmen- und Expertenseite her geschah im Fricktal bereits im "Fluorkrieg".
Die Untersuchung stützt sich vor allem auf
Schriftquellen. Daneben ist aber auch die Befragung von Zeitzeugen
vorgesehen.
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