| Die
Rezeption von Darwins Theorien durch Schweizer Naturforscher in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Barbara Tschann
Das Projekt untersucht und vergleicht die Rezeptionsformen von
Darwins Buch On the Origin of Species by Means of Natural Selection,
or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life (1859)
in der Schweiz. Ausgegangen wird von der These, dass die aussergewöhnliche
Reaktion auf Darwins Theorien auf deren enormes Integrations- und
Polarisierungspotential zurückzuführen ist, das seinerseits
in der Thematik, der Neuheit und in den weltanschaulichen Implikationen
dieser Theorien gründet.
Mit den Origin of Species lieferte Darwin eine umfassende Evolutionstheorie.
Er publizierte damit auf einem Gebiet, auf dem schon länger
geforscht wurde. So gab es vor und nach Darwin eine Vielzahl biologischer
Evolutionsvorstellungen, die sich teilweise erheblich von der Darwinschen
unterschieden. Das Neue und Aufregende an Darwins Buch war, dass
er es damit schaffte viele Beobachtungen durch eine Idee, die zwar
schon lange bekannt war, sich aber noch nicht durchgesetzt hatte,
zu verknüpfen: Tier- und Pflanzenarten sind veränderlich.
Die heutigen lebenden Arten sind aus Urformen des Lebens durch allmähliche
Umwandlung entstanden. Ursache des Umwandlungsprozesses ist die
natürliche Zuchtwahl, der Kampf ums Dasein. Für die Naturwissenschaft
wurden seine Theorien zu einem neuen Bezugspunkt, der aber gleichzeitig,
und das verstärkte die Bedeutung und den Einfluss seiner Theorien
noch, auch in aussernaturwissenschaftliche Bereiche übersetzt
werden konnte. Die Reaktionen auf diese neue fundamentale Theorie
erfolgten deshalb auf verschiedenen Ebenen.
Zu nennen ist einerseits die wissenschaftliche Auseinandersetzung:
Darwins Theorien wiesen einige Mängel auf und liessen Fragen
offen. Die Gegner Darwins konnten auf zahlreiche empirische Probleme
und Widersprüche verweisen. Schnell wurde es üblich, von
den Theorien Darwins im Plural zu sprechen: Meist wurde eine grobe
Unterteilung in drei Haupttheorien gemacht: Die Theorie der gemeinsamen
Abstammung, der Evolution und das die Evolution erklärende
Selektionsprinzip. Diese Bestandteile von Darwins Theorie wurden
begrifflich unterschieden und getrennt kritisiert. Einwände
wurden vor allem gegen die allmähliche Evolution, die Artbildung
und die schöpferische Kraft der natürlichen Auslese erhoben.
In der innerwissenschaftlichen Auseinandersetzung sollte sich Darwin
als Motor für die Schaffung weiterer Evolutionstheorien erweisen.
Gleichzeitig löste er eine Flut von empirischen Detailforschungen
aus, mit denen man hoffte, seine Theorien entweder widerlegen oder
bestätigen zu können.
Sehr wichtig und verantwortlich für einen grossen Teil der
Reaktionen war andererseits die weltanschauliche Dimension seiner
Theorien: Der Darwinismus wurde von Anfang an in enger Verbindung
mit seinen weltanschaulichen Konsequenzen rezipiert. Darwins Theorien
stellten einen materialistischen Erklärungsversuch von Bereichen
dar, die bis anhin als Domäne philosophischer oder theologischer
Systeme galten. Mit seiner Deszendenztheorie schuf er eine naturwissenschaftliche
Theorie, die ohne metaphysische Hilfshypothese auskommen konnte,
indem sie einen kausal und mathematisch beschreibbaren Mechanismus
der Artentstehung angab. Dies wurde nun einerseits begeistert für
antiklerikale Kampagnen genutzt. Seine Theorien wurden von Vertretern
einer breiten Popularisierungsströmung naturwissenschaftlichen
Denkens aufgenommen, die nach einer Emanzipation von staatlicher
und kirchlicher Autorität strebten. Auf der anderen Seite war
es aber für jeden gläubigen Naturwissenschafter, der Darwins
Theorie der natürlichen Auslese kannte, klar, dass diese in
ihrem Wesen antireligiös war und eine ernste Gefahr für
das religiöse Weltbild darstellte und bekämpft werden
musste.
Ein dritter Bereich von Reaktionen auf Darwins Theorien hängt
mit deren Logik und Eingängigkeit zusammen. Seine Metapher
vom Kampf ums Dasein' war im 19. Jahrhundert so einleuchtend,
dass sie leicht auf aussernaturwissenschaftliche Bereiche angewandt
werden kann. So kam es zu zahlreichen Übersetzungen in andere
Gebiete.
Die Reaktionen auf Darwin sind also vielfältig motiviert und
häufig auch nicht so leicht in eine der Kategorien einzuordnen.
Es entsteht ein einmaliges Gemisch von biologischen Beobachtungen,
theoretischen Ableitungen und philosophischen Folgerungen. Darwins
Theorien wurden zu einem der wichtigsten Kristallisationspunkte
in der wissenschaftlichen und aussernaturwissenschaftlichen Diskussion.
Die gesamtschweizerische Perspektive ergibt sich durch die Untersuchung
der Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft
über den Zeitraum von 1857 bis 1904. Die Durchsicht der jährlich
erscheinenden Verhandlungen erlaubt einen Einblick, ob und wie in
diesem Gremium, in dem sich die zu dieser Zeit namhaften Naturforscher
der Schweiz, aber auch interessierte Laien alljährlich trafen,
die Theorien Darwins zur Sprache kamen. Damit kann in einem ersten
Teil ein Überblick über die diskutierten Theorie-Teile
gegeben und erste Schwerpunkte aufgezeigt werden.
Mit der Fokussierung auf drei Wissenschafter, Oswald Heer, Arnold
Dodel und Maximilian Westermaier, sollen im zweiten Teil drei verschiedene
Positionen der Aufnahme dargestellt und genauer bestimmt werden
können. Die drei Beispiele sind so gewählt, dass verschiedene
Zeiträume, Wirkungskreise und Standpunkte zur Sprache kommen:
Oswald Heer (1809-1883) war ein etablierter Wissenschafter, der
einen wichtigen Platz in der Gesellschaft der Schweizerischen Naturforscher
einnahm - ein empirisch arbeitender Forscher, der zeitlebens gläubig
war. Gewisse Folgerungen Darwins widersprachen seinen eigenen Untersuchungen
aber auch seiner religiösen Überzeugung. Er entwickelte
mit seiner "Umprägungstheorie" eine eigenständige
Erklärung für den Evolutionsmechanismus. Sein Nachfolger
an der Universität, Arnold Dodel (1843-1908), brachte zwanzig
Jahre später die Theorien Darwins mit Vehemenz und Sendungsbewusstsein
unters Volk und übersetzte sie in aussernaturwissenschaftliche
Bereiche. Als Populärwissenschafter und bekennender Sozialist
gehörte er aber nie wirklich der scientific community'
der Schweiz an. Maximilian Westermaier (1852-1903), Professor an
der Universität Fribourg, versuchte um die Jahrhundertwende
als gläubiger Katholik eine Synthese zwischen seinem Glauben
und der von ihm praktizierten Empirie zu finden. Auch er akzeptierte
gewisse Theorie-Teile Darwins nicht.
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