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ETH Technikgeschichte - Forschung

Wissen und Technologie

Beitrag zur "Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im
20. Jahrhundert" der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (SGWSG)

David Gugerli und Jakob Tanner

Die Schweiz ist - einem weit verbreiteten Topos zufolge - ein rohstoffarmes Land, das diesen Mangel an natürlicher Ressourcenausstattung durch geistige Kapazitäten ausgleichen muss. So erklärte der sozialdemokratische Bundesrat Hans Peter Tschudi 1972 zu den neuen Bildungs- und Forschungsartikeln in der Bundesverfassung: „Die Forschungsleistungen bedingen heute weitgehend die Stellung und das Ansehen eines Staates in der Welt. Die wirtschaftliche Entwicklung wird immer mehr durch eine auf Forschung basierende Technik beeinflusst. Die Schweiz, die über keine natürlichen Rohstoffe verfügt, muss Spitzenprodukte anbieten, wenn sie sich auf dem Weltmarkt behaupten will.“ Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts betonten Exponenten aus Wirtschaft und Politik, dass ein wirtschaftlicher Wachstumspfad, der auf technisch avancierte Produkte und Dienstleistungen mit hohem Wertschöpfungsanteil ausgerichtet ist, die logische Konsequenz der helvetischen Konstellation sei.

Zwischen fehlenden natürlichen Ressourcen und innovativ erwirtschaftetem Reichtum besteht allerdings kein systematischer Zusammenhang. Zahlreiche Länder sind unabhängig davon, ob sie viele oder kaum Bodenschätze haben, arm geblieben. Hingegen ist der Sachverhalt evident, dass Wissen, Wissenschaft und Technik für das moderne Wirtschaftswachstum zentral sind. Seit den 1950er Jahren versuchten Ökonomen und Wirtschaftshistoriker, mittels des Growth Accounting (Berechnung von Wachstumsbeiträgen) den Anteil der physischen Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit am Wirtschaftswachstum zu bestimmen, und gelangten dabei zum erstaunlichen Ergebnis, dass der weitaus grösste Teil dem so genannten „Residual“ bzw. der globalen Faktorproduktivität geschuldet ist. Autoren der 1950er und 60er Jahre gelangten zu Werten zwischen 68 und 90%. 1977 berechnete die „Expertengruppe Wirtschaftslage“ den Beitrag des Residualfaktors für den Zeitraum von 1950 bis Mitte der 1970er Jahre auf mehr als die Hälfte (56%). Neuere Untersuchungen - insbesondere eine 145 Länder oder 98% der Erdbevölkerung umfassende Studie aus dem Jahr 2002 - korrigieren diesen Beitrag zwar nach unten, für die westlichen Industrieländer (Nordwesteuropa, USA, Australien und Neuseeland) auf 20%. Die Bedeutung des Technologiefaktors wird dadurch aber nicht angefochten, da in dieser Berechnung das Humankapital und das im physischen Kapital (Maschinen, automatische Fertigungsanlagen) materialisierte Wissen zu den „Inputs“ der Produktionsfaktoren in den Wachstumsprozess gezählt werden. Die Studie, deren Daten bis ins Jahr 1888 zurückreichen, zeigt, dass sich die Schweiz im westeuropäischen Mittelfeld bewegt und bei der Wachstumsrate des Humankapitals sogar etwas über dem Durchschnitt liegt.


 



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Letzte Änderung: 7-09-2009