Die Programmierung des Fernsehens, 1950 bis 1985
Daniela Zetti
Fernsehgeschichte beschreibt nicht Generationen von Fernsehgeräten. Sie ist keine Reihung von Sendeformaten. Fernsehgeschichte lässt sich auch nicht auf Institutionen reduzieren, die sich nachfolgen oder ersetzen. Denn von Fernsehern, Formaten und Institutionen ist sie zu sehr geprägt, als dass sie diese drei Bestandteile trennen könnte. Fernsehgeschichte muss stattdessen Wechselspiele zwischen ihnen verständlich machen und dafür geeignete Untersuchungsgegenstände finden. Mein Dissertationsprojekt behandelt Programme als Software für Fernsehgeräte und begreift Programmgeschichte als Geschichte der Programmierung des Fernsehens.
Mancher Zusammenhang wird so erst sichtbar. Die magnetische Aufzeichnungsanlage, die Programmtasten am Fernseher, die Ansage, der Vorspann oder die Moderation von Gesprächen haben zum Beispiel eines gemeinsam: durch sie werden Schnitte gesetzt im Programm. Im Laufe der Jahrzehnte änderten sich nicht nur die Programmiermethoden, sondern auch die Zuständigkeiten für das Programm. Spätestens seit man das Gerät per Knopfdruck auf einen zweiten Sender einstellen kann, sind Fernseher auch für Zuschauer technisch programmierbar. Geschnitten wurde nicht nur zwischen Kanälen, sondern auch zwischen Filmen, Magnetbändern und live-Sendungen, innerhalb von Sendungen und zwischen Blöcken – von Cuttern oder Zuschauern, von Moderatoren oder Gästen. In den späten 1970er Jahren gingen Produzenten und Konsumenten, Politiker und Hersteller von Fernsehtechnik von einer bevorstehenden Multimedialität der Geräte und Formate aus. Sie erlebten ein digitales Zeitalter, in dem Fernseher, Videorekorder, Konsolenspiele, Kameras, Mikrofone und Aufzeichnungsanlagen universell kompatibel werden sollten. In den Sendehäusern zeigten die Monitore von Prozessrechnern automatisierte und immer aktuelle Sendeablaufpläne. Auf den heimischen Fernsehgeräten waren aus dem Videotext feste Programmpunkte und Änderungen im Programm zu erfahren. Es folgte, nachdem 1981 die rechtlichen Grundlagen für neue, privatwirtschaftlich organisierte Sender geschaffen worden waren, eine Vermehrung der Programme. Die eben erst angebrochene digitale Ära ging mit dem Untergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems einher. Bei Grundig und Bosch, bei ARD und ZDF sowie bei der Bundespost destabilisierten sich alte Geschäftsbeziehungen. Marktanteile gingen verloren, vielversprechende Produktinnovationen entpuppten sich als Ladenhüter. Zwischen Formen des Konsums und Formen der Produktion von Fernsehen kam es permanent zu Rückkopplungen, die kaum mehr von den Konsequenzen des Strukturwandels der westdeutschen Medienlandschaft zu trennen sind. Die öffentlich-rechtlichen Sender setzten auf neue Messgeräte, die vernetzt, prompt und kontinuierlich Einschaltquoten meldeten. Währenddessen stieg die Fernbedienung zum Lieblingsutensil des zappenden Zuschauers auf. Fernsehgeräte wurden auf beiden Seiten des Bildschirms neu programmiert. Ob die Konsumenten oder die Produzenten bessere Instrumente ergriffen haben, um die jeweilige Gegenseite zu programmieren, sei dahingestellt. Fernsehmachen und Fernsehen konsumieren heisst programmieren.
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