Saisonniers warten am Flughafen Kloten auf die medizinische Kontrolle (CC by Comet Photo AG)

Die Fremden und der Computer

Die Entstehung des Zentralen Ausländerregisters

Moritz Mähr

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1960er Jahre kamen hundertausende Arbeitsmigrant*innen in die Schweiz. Das schnelle Bevölkerungswachstum liess die Infrastruktur an ihre Grenzen kommen und xenophobe Tendenzen machten sich in rechten und den Gewerkschaften nahestehenden Kreisen breit. Das zögerliche Handeln des Bundesrates bei der Regulierung der Arbeitsmigration trug ebenfalls dazu bei, dass sich die Befürworter der zweiten "Überfremdungsinitiative" an der Urne gute Chancen ausrechneten. Um diese rigorose und wachstumsfeindliche Beschränkung der Einwanderung abzuwenden, erliess der Bundesrat am 16. März 1970 eine wirtschaftsverträglichere "Begrenzung der Zahl der Ausländer" (Globalplafonierung). Vor diesem diskursiven Hintergrund erstaunt es wenig, dass das am 9. Juli 1971 vom Bundesrat in Auftrag gegebene zentrale Ausländerregister (ZAR) von den Zeitgenoss*innen und in den Forschungsbeiträgen als eine weitere Reaktion auf  die "Überfremdungsinitiative" gelesen und als das zentrale statistische Instrument der Stabilisierungspolitik gewertet wurde.

Wie Quellen aus dem Bundesarchiv Bern zeigen, wurden die Vorarbeiten zum ZAR bereits 1964 aufgenommen, der Abschlussbericht der "Expertenkommission für die Ausländerstatistik" von 1967 innerhalb des Bundesrates sowie der Bundesverwaltung rege zirkuliert und der Entscheid für eine zentralisierte Ausländerstatistik zwei Monate vor der Globalplafonierung gefällt. Zudem legen die Quellen nahe, dass die Rezession von 1974 viel stärker zum "Erfolg" der Stabilisierungspolitik  beitrug als das ZAR. Das ZAR schien auf den stark sinkenden Regelungsbedarf damit zu reagieren, die Kontrollfunktion der ausländischen Wohnbevölkerung auszubauen.

Diese Beobachtungen werfen verschiedene Fragen über das teuerste Automatisierungsvorhaben der eidgenössischen Bundesverwaltung auf, die im Rahmen des historischen Forschungsprojekts “Die Fremden und der Computer” an der Professur für Technikgeschichte der ETH Zürich untersucht werden sollen: Was verprach sich die Bundesverwaltung in den 1960er Jahren von einer automatisierten "Ausländerstatistik" für die Steuerung der Wirtschaft- und Migrationspolitik? Wie übersetzte sich der politische Erfolgsdruck in technische und organisatorische Massnahmen in der Verwaltung? Wie reagiert die Verwaltung auf eine ökonomische Krise, die die Erwartungen und den Legitimationsdruck auf die Verwaltung abermals veränderte?