aus: "A FINAL THREAT TO SPACEFLIGHT?", Eichler / Rex, 1990

Der erdnahe Weltraum

Verknappung einer Ressource, 1970-2020.

Luca Thanei

Seit den frühen 1960er Jahren sammeln sich im erdnahen Weltraum allerhand Überreste der Raumfahrt an. Explodierende Trägerraketen, gefrorene Treibstoffpartikel, Kollisionstrümmer und tausende Satelliten, zu denen schlicht die Verbindung abgebrochen ist. Heute gehen die Raumfahrtbehörden von 128 Millionen kleineren (<1cm), 900'000 mittleren (1cm – 10cm) und 34'000 grösseren (>10cm) Trümmerteilen aus, die zwischen 150 und 2000 Kilometern Höhe noch bis zu mehreren hundert Jahren um die Erde kreisen werden. Und da sich diese Teile mit sehr hohen Geschwindigkeiten (bis zu 10 km/s) fortbewegen, stellen selbst kleinste Partikel eine ernsthafte Gefahr für Satellitendienste, bewohnte Raumstationen und geplante Missionen dar.

Die ungebremste Ansammlung langlebiger Überreste der Raumfahrt hat also dazu geführt, dass sich der erdnahe Weltraum in nur fünfzig Jahren von einer noch namenlosen und vielversprechenden Leere hin zu einer risikoreichen und knappen Ressource für satellitengestützte Technologien wandeln konnte. In Anbetracht der Tatsache, dass die Raumfahrtbehörden diesen Wandel bereits seit den frühen 1970er Jahren erforschen und quantifizieren, indes bis heute noch keinerlei brauchbare Lösungen entwickelt wurden, scheint es nicht abwegig zu sein, eingehender nach den historischen Bedingungen und den konkreten Mechanismen dieser Verknappung des erdnahen Weltraums zu fragen.

In welchem grundlegenden Verhältnis stehen die Verknappung und die konzeptuelle Entstehung des erdnahen Weltraums? Wenn die fortschreitende Ausbeutung des Raums unweigerlich zu dessen zunehmenden Modellierung führte, die zunehmende Modellierung aber wiederum eine fortschreitende Ausbeutung ermöglichte, welche Mechanismen hielten diesen schneller werdenden Kreislauf dann genau aufrecht? Finden sich allenfalls reflexive Ereignisse, in denen die Raumfahrtbehörden und deren multilateralen Zusammenschlüsse plötzlich mit ihrer eigenen zweideutigen Rolle konfrontiert wurden? Und wie wurde auf solche Ereignisse reagiert, damit sie folgenlos blieben? Das Dissertationsprojekt sucht neue Antworten auf solche Fragen und möchte damit auch einen Beitrag an eine historisch fundierte Bewertung von gegenwärtigen Raumfahrtvisionen leisten.